Der Literarische Club Zürich (vormals Lesezirkel Hottingen)

Im Hottinger-Saal, Gemeindestraße 54, 8032 Zürich


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Die nächste Veranstaltung


Eugen Ruge

Moderation: Ralph Müller

 

Mittwoch, 24. November 2021, 19.30 Uhr

Gemeindestraße 54 (über dem Kreisbüro 7)

8032 Zürich

 

 

Ein Gespräch mit dem Autor über seine Erfahrungen als Erforscher und künstlerischer Gestalter seiner Familiengeschichte, die eng mit den schlimmsten Phasen der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts verquickt ist. Eugen Ruge liest aus seinem neuen Roman Metropol.

 

Eugen Ruge, geboren am 24. Juni 1954 in Soswa (Ural, Sowjetunion), aufgewachsen in der DDR. Mathematikstudium, Tätigkeit am Zentralinstitut für Physik der Erde, Potsdam. Seit 1985 freier Autor, 1988 Übersiedelung in die Bundesrepublik. Übersetzungen meh- rerer Tschechow-Stücke, Autor für Theater, Funk und Film. 2011 ausserordentlich erfolgreiches Debüt als Romanautor mit In Zeiten des abnehmenden Lichts. Eugen Ruge lebt in Berlin und auf Rügen.

 

 

Werke (Auswahl)

In Zeiten des abnehmenden Lichts, Roman, 2011

Cabo de Gata, Roman, 2013

Annäherung, Reiseberichte, 2015

Theaterstücke 1986–2008, Sammelband, 2015

Metropol, Roman, 2019

 

Auszeichnungen (unter anderen):

2011 Aspekte-Literaturpreis für In Zeiten des abnehmenden Lichts 2011 Deutscher Buchpreis für In Zeiten des abnehmenden Lichts 2020 Mainzer Stadtschreiber

 

Ausschnitt aus "Metropol":

 

Moskau 1936. Charlotte, deutsche Kommunistin, Mitarbeiterin der OMS, des Geheimdienstes der Komintern, ist mit ihrem Lebensgefährten und zahlreichen Bolschewiki der ersten Stunde im Hotel Metropol interniert. Ihr Leben ist verhältnismässig komforta- bel, aber in das langweilige Warten auf eine neue Aufgabe mischt sich bald Todesfurcht, denn die Mitbewohner werden von Schergen des NKWD nach und nach abgeholt und verschwinden für immer. Die Liquidation der OMS durch Stalins Richter ist ein kleiner Teil des Grossen Terrors, der «Säuberungen», die der Diktator zwischen 1936 und 1938 durchführen lässt.

Hunderttausende von «Verdächtigen» – Wissenschafter, Militärs, Künstler, Ökonomen, Kader aller Art – werden verschleppt, gefol- tert, zum Tode verurteilt und exekutiert. Dieser stetige Verlust an Führungskräften begann die elementaren Funktionen von Partei, Verwaltung und Armee zu gefährden. Daher wurde die Intensität der Verfolgung 1938 auf Befehl Stalins reduziert, ohne jedoch ein- gestellt zu werden.

Irritiert ist sie von dem Urteil, das der Richter am nächsten Tag fällt. Dass dreizehn der siebzehn Angeklagten zum Tode verurteilt werden, überrascht nach dem ersten Prozess kaum. Eher schon, dass vier mit Gefängnishaft davonkommen...

Wie man es wendet und dreht: Irgendwas stimmt nicht in diesem Prozess. Für einen Augenblick kommt es ihr vor, als hätten sich all diese Leute abgesprochen, als führten sie einvernehmlich ein grosses Schauspiel auf, und es würde – seltsame Hoffnung – in Wirklichkeit niemand erschossen.

Natürlich ist das Unsinn. Unmöglich kann ein sowjetisches Gericht die Weltöffentlichkeit auf solche Weise betrügen. Unmöglich, dass Hunderte von Verbrechen und Sabotageakten erfunden sind, dass Hunderte Journalisten sich ihre Berichte bloss ausdenken. Dass selbst ein Lion Feuchtwanger sich so an der Nase herumführen liesse. Zweihunderttausend Menschen haben, laut Prawda, auf dem Roten Platz für die Erschiessung der Volksfeinde demonstriert! Es ist unmöglich, dass alle verrückt geworden sind, alle mitspielen, alle blind sind und nur sie, das Lottchen aus Berlin-Steglitz, als Einzige sehend. Das ist lächerlich. Anmassend. Ist sie eine schlech- te Genossin? Fehlt ihr tatsächlich das Klassenbewusstsein? Der Klasseninstinkt?

 

 ***

 

Am Beispiel seiner Großmutter Charlotte macht Eugen Ruge sichtbar, was Menschen in der Kapsel einer Ideologie und in blindem Vertrauen auf einen skrupellosen Despoten, hier Josef Stalin, zu glauben imstande sind. Und wie sie Zweifel, die manchmal trotzdem in ihnen aufsteigen, niederringen: Indem sie den Fehler bei sich selber suchen und sich so gegen die offensichtliche Willkür und Perfidie immunisieren.

 

Foto: Eugen Ruge - Copyright Asja Caspari mit freundlicher Genehmigung des Rowohlt Verlages.

 


Simon Deckert

Moderation: Felix Ghezzi

 

Mittwoch, 8. Dezember 2021, 19.30 Uhr
Gemeindestraße 54 (über dem Kreisbüro 7)

8032 Zürich

 

Simon Deckert liest aus seinem Buch «Siebenmeilenstiefel» und diskutiert mit Felix Ghezzi über sein Debütroman.

 

Simon Deckert, Jahrgang 1990, wuchs in Liechtenstein in einer österreichischen Familie auf und lebt heute in St. Gallen. Nach zwei Semestern Anglistik und Philosophie wechselte er 2009 ans Schweizerische Literaturinstitut in Biel, wo er 2013 abschloss. Es folgte ein Schreibstipendium des österreichischen Ministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur in Wien. 2014–2017 absolvierte er den MA Contemporary Arts Practice an der Hochschule der Künste Bern. Seine Texte wurden in verschiedenen Zeitschriften veröffentlicht; neben dem Schreiben ist er als freier Lektor und Mentor sowie als Musiker tätig. «Siebenmeilenstiefel» ist sein erster Roman.

 

Zum Buch

Andrea stellt sich vor, auf dem Rücken eines Drachens über ihrem Dorf zu fliegen. Sie ist Anfang zwanzig, ihre Mutter hat die Familie vor zehn Jahren verlassen, der alkoholabhängige Vater bezieht Invalidenrente. Über solche Dinge wird zu Hause lieber geschwiegen, und Andrea erfährt am eigenen Leib: Wer über alte Geschichten nicht spricht, der wird sie auch nicht los.


Für ihren Bruder Michl, der lieber Rockmusiker als ein dorfbekannter Schulversager wäre, denkt Andrea sich eine Fluchtgeschichte aus. Als sie ihren Vater und seine Schwägerin bei einem Annäherungsversuch erwischt, merkt sie: Michls Fluchtgeschichte muss auch ihre eigene werden. Zwei Tage später sitzen die Geschwister im Pick-up des Onkels und suchen das Weite.


Andrea erzählt, erinnert, und sie erfindet. So auch eine kühnere Version ihrer selbst namens Ariane, die sie ermutigt, im wirklichen Leben über sich hinauszuwachsen – wenn sie sich, einmal in Basel, auf die Suche macht nach dem, was von ihrer Familie übrig ist. Und ein junger Mann namens Bastian auf dem Fahrrad um die Ecke kommt.

 

Auszug aus dem Buch

Als der Bus hinter der Papeterie verschwunden ist, höre ich hinter mir den schlurfenden Gang meines Bruders. Ich hole den Klappspiegel aus meiner Handtasche und beobachte, wie er die Treppe zum Dorfladen hinaufsteigt und hinter der Glastür verschwindet. In der runden Scheibe des Spiegels kann ich die Szene zwischen meinem Bruder und dem dicken Tiroler verfolgen; ich höre ihre Stimmen durch das Gezwitscher der Spatzen und die vorbeifahrenden Autos, ich habe den Putzmittel- und Aufbackbrötchengeruch in der Nase, alles springt mich an aus dem kleinen Spiegelbild.

Guten Morgen, sagt Miko.

Wie bitte?

Der dicke Tiroler hat sich hinter der Ladentheke über einen Plastiksack gebeugt und kramt unter lautem Rascheln darin herum. Er richtet sich auf und stellt zwei orange Einmachgläser auf die Vitrine.

Wachauer Marille, sagt er, mehr zu den Gläsern. Dann fixiert er Miko und schaut ihn ein paar schnaufende Atemzüge lang an. Der Ludescher Michl. Finger weg von den Zigaretten. Ich weiß schon, mit solchen wie dir muss man aufpassen.

Ich habe nichts gemacht.

Probleme machst du, und dann für ein paar Tage verschwinden und sich hinterher an nichts erinnern können. Dein Onkel hat mir schon erklärt, wie das läuft.

Ich klappe den Spiegel zu, ab hier geht es sowieso weiter wie immer. Der Tiroler streicht über die borstigen Haare in seinem Ebernacken und setzt sich die Lesebrille auf. Dann zieht er einen Kugelschreiber aus seiner Gesäßtasche und beginnt etwas auf einen Block zu schreiben.

Was willst du?, fragt er irgendwann und schaut meinen Bruder über die Brillengläser hinweg an. Leberkässemmel und Cola?

Jawohl.

 

Aus: Simon Deckert: Siebenmeilenstiefel. 328 Seiten, gebunden, ISBN 978-3-85869-889-6. Edition Blau, Rotpunktverlag

 

 

Kritiken zum Buch

«Nicht nur in der Erfindung des Ganzen, auch im Detail finden sich immer wieder Anzeichen einer vielversprechenden Meisterschaft.» Charles Linsmayer, St. Galler Tagblatt

«Simon Deckert hat mit ‹Siebenmeilenstiefel› ein höchst ambitioniertes, filigran gezeichnetes Romandebüt vorgelegt. Und das verspricht eine spannende Zukunft als Autor.» Ingrid Bertel, ORF

«Man überlässt sich gern dem stetigen Fluss dieses Texts, taucht irgendwann auf und reibt sich die Augen: Was war das?» Eva Bachmann, Saiten

 

Foto: © Claudia Breitschmid


Ausblick

Am 9. Februar 2022 mit Maylis de Kerangal

 

© Catherine Hélie/Éditions Gallimard/Suhrkamp Verlag


 

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