Der Literarische Club Zürich (vormals Leseclub Hottingen)

Im GZ Hottingen, Gemeindestraße 54, 8032 Zürich

FRIEDRICH CHRISTIAN DELIUS

Als die Bücher noch geholfen haben – Die Zukunft der Schönheit

 

Ein Gespräch mit dem Autor über seine Erfahrungen als Lektor, Dichter, Zeitzeuge an Wendepunkten der deutschen Geschichte und Gesellschaft seit 1968. F.C. Delius liest aus seinen Erzählungen «Bildnis der Mutter als junge Frau» und «Die Zukunft der Schönheit».

 

Moderation Ralph Müller

Mittwoch 20. März 2019 19.30 Uhr

GZ Hottingen Gemeindestrasse 54 8032 Zürich

 

 

mit Tram 3 bis Hottingen

Türöffnung 19.00 Uhr

Gäste sind willkommen Eintritt frei

 

Foto: Friedrich Christian Delius von Jürgen Bauer - Rowohlt Verlag

 

Friedrich Christian Delius, geboren am 13. Februar 1943 in Rom, aufgewachsen in Wehrda und Korbach in Hessen. Seit 1963 in Berlin, Studium an der Freien und Technischen Universität, Dr. phil. 1970. Bis 1978 Lektor für Literatur in den Verlagen Klaus Wagenbach und Rotbuch. Prozesse, welche die Siemens AG (1972-76) und Helmut Horten (1979-82) gegen ihn führten, erfolgreich überstanden. Seit 1978 freier Schriftsteller, von 1978-80 in Beek bei Nijmegen/NL, von 1980-84 in Bielefeld. Seitdem lebt er wieder in Berlin (von 2001 bis 2013 in Rom und Berlin).

"...in Russland sah es nicht mehr nach grossen Siegen aus, man sprach fast nicht mehr von Siegen, man sprach nur noch von der Dauer des Krieges, und was war der grausame Krieg wert, wenn nicht mehr gesiegt wurde, einen Krieg ohne Sieg konnte sie sich nicht vorstellen,

seit sie zwölf war, hatte der Führer das Deutsche Reich von einem Sieg zum andern geführt, es war, solange sie denken konnte, immer nur gewonnen, erobert, gefeiert, gejubelt worden, für die politischen und militärischen Erfolge wurde auch in den Gottesdiensten mit Gebeten gedankt, und nur wenn gesiegt würde, könnte ihr Mann schnell zurückkommen, wenn aber an fast allen Fronten noch mehr Niederlagen drohten, bliebe er fort, in immer grösserer Lebensgefahr, und sie müsste länger und länger warten,

was sollte aus dem schönen Deutschland werden ohne Siege, das war gar nicht auszudenken, das war verboten zu denken, sie verbat sich das, und während ihre Sehnsucht südwärts nach Afrika flog,

tauchte die Wartburg vor ihren Augen auf..."

Aus: Bildnis der Mutter als junge Frau

F.C. Delius versetzt sich in dieser biographisch fundierten Erzählung in die Gedanken seiner Mutter, die schwanger mit ihm, dem künftigen Autor, ihrem Mann Ende 1942 nach Rom gefolgt ist. Dieser, ein zur Wehrmacht eingezogener protestantischer Pfarrer, wird, kaum ist sie in Italien angekommen, nach Afrika versetzt. Die zitierte Passage steht als Beispiel für die Meisterschaft des Dichters, historisch-poli- tische Hintergründe und Zusammenhänge in eine Sprache zu integrie- ren, die sich wunderbar leicht und genau aus der Situation und dem Fühlen der Protagonistin entwickelt.

 

Werke (Auswahl)

• Mogadischu Fensterplatz, Roman, 1987

• Die Birnen von Ribbeck, Erzählung, 1991

• Selbstporträt mit Luftbrücke, Gedichte, 1993

• Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde, Erzählung, 1994

• Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus, Erzählung, 1995

• Amerikahaus und der Tanz um die Frauen, Roman, 1997

• Warum ich schon immer Recht hatte – und andere Irrtümer. 2003 • Mein Jahr als Mörder, Roman, 2004

• Prospero. Opernlibretto, 2006

• Bildnis der Mutter als junge Frau, Erzählung, 2006

• Als die Bücher noch geholfen haben. Biografische Skizzen, 2012 • Die linke Hand des Papstes, 2013

• Die Liebesgeschichtenerzählerin, Roman, 2016

• Warum Luther die Reformation versemmelt hat, 2017

• Die Zukunft der Schönheit, Erzählung, 2018

Auszeichnungen (unter vielen anderen):

Georg-Büchner-Preis 2011. Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Akademie der Künste Berlin. Bundesverdienstkreuz 1. Klasse, 2017

MELINDA NADJ ABONJI

 

IM SCHAUFENSTER IM FRÜHLING

TAUBEN FLIEGEN AUF

SCHILDKRÖTENSOLDAT

 

Lesung und Gespräch

Mittwoch, 10. April 2019 um 19:30 Uhr

Hottingersaal, Gemeindestraße 54, 8032 Zürich

 

Moderation: Josef Estermann

 

Freier Eintritt, Kollekte, Apéro

 

© Gaëtan Bally/Suhrkamp Verlag

 

 

Textauszug aus 'Schildkrötensoldat':

 

Man hat Jenö man hat ihn an meinen Rucksack gebunden, nach zwei Kilometern, weil er nicht mithalten konnte, bei einem Trainingsmarsch -M-A-R-S-C-H- dem letzten, vor Vukovar

das Spiel, bald wird es ernst! so der Raubvogel

ja, sie haben Jenö mit Riemen liessen der Kommandant und der Leutnant ihn an meinen Rucksack festbinden, von seinen Traggurten aus an meinen Rucksack -R-Ü-C-K-E-N- Marschrekord! der Kommandant und der Leutnant wollten einen neuen Rekord aufstellen

Kertész, du hast die Verantwortung für deinen Fettsack im Schlepptau, verstanden? jetzt kannst du ihm helfen!

Jenö lachte oder lächelte, er und ich, wir mussten vorne marschieren, hinter dem Kommandanten und dem Leutnant, und die Truppe, vierundzwanzig Mann, hinter uns 

ein Morgen so frisch wie das Wasser im Gesicht

-S-P-Ä-T-S-O-M-M-E-R-

-F-R-Ü-H-H-E-R-B-S-T-

Tage, an denen sich die Jahreszeiten kreuzen, ein Tag, an dem man doch sitzen und den Tag, die aufgehende Sonne bewundern müsste

Kertész, Zigeunerfratze, Schlappschwanz, du hast die Verantwortung für deinen Fettsack im Schlepptau! so der Leutnant vor uns

oh, ich werde diesen Satz nie vergessen, nicht wegen Zigeunerfratze oder Schlappschwanz, nicht wegen Fettsack, sondern wegen Verantwortung

-V-E-R-A-N-T-W-O-R-T-U-N-G-

Kertész, du erleichterst ihm das Marschieren im eingeschlagenen Tempo!

ich habe nicht widersprochen, nein, niemand hat widersprochen, wir waren alle, alle waren wir ein einziger Antrieb, und Jenö und ich haben mitgehalten, am Anfang, wir haben sogar ein Lied gesungen, das ich ihm beigebracht habe, über das er immer gespottet hat

"eine Knospe war ich, als ich geboren wurde, eine Rose, als ich Soldat wurde, im eigenen Dorf, da bin ich aufgeblüht, in der Kaserne, da bin ich verwelkt ..."

und der Leutnant, er hat gelacht, das ist das falsche Lied, ihr Waschlappen! und er stimmte sein Lieblingslied an, "ich marschier zu dir, ich marschier zu dir, vorn und hinten, gut bestückt, leck ich dich wund, zu jeder Stund"

nach drei Kilometern hat Jenö nur noch laut gekeucht, ich habe ihm zugeredet, ihn mein Habundgut genannt, meinen liebsten Anhänger, ich habe ihm gut zugeredet, obwohl reden und marschieren anstrengend ist, aber ich habe es getan, damit er weiss, damit er weiss, dass ich da bin, Jenö hat nicht geantwortet, und ich bin kurz stehengeblieben, habe ihm den Rucksack abgenommen

 

 

Biografie

Melinda Nadj Abonji wurde 1968 in der Vojvodina geboren. Sie entstammt einer ungarischen Familie und verbrachte ihre ersten Jahre bei ihrer Grossmutter in Jugoslawien. Im fünften Altersjahr kam sie zu ihren Eltern in die Schweiz.

Melinda Nadj Abonji studierte in Zürich Germanistik und Geschichte und erwarb 1997 das Lizentiat. Sie lebt als Schriftstellerin und Musikerin in Zürich.

 

Melinda Nadj Abonji debütierte 2004 mit dem Roman "Im Schaufenster im Frühling" im Ammann-Verlag. 

2010 erschien 'Tauben fliegen auf' im Jung-und-Jung-Verlag in Salzburg und Wien. Melinda Nadj Abonji erhielt dafür sowohl den Deutschen als auch den Schweizer Buchpreis.

2017 erschien 'Schildkrötensoldat' bei Suhrkamp. Er wurde mit dem Schillerpreis der ZKB ausgezeichnet.

'Tauben fliegen auf" wurde bisher in neunzehn Sprachen übersetzt.

 

Pressestimmen

 

Martin Ebel in Tagesanzeiger zu 'Schildkrötensoldat':

Und in dieser Welt ist das "Glück eine Luke, aus der man an einem warmen Tag den Kopf herausstreckt. Und in der es "das Schönste ist, einen Apfel, der in den Dreck gefallen ist, aufzuheben, den Dreck in aller Sorgfalt, von allen Seiten von ihm abzureiben, bis der Apfel einen Glanz hat wie ein windstiller See."

... stärker als die grundsätzlich-abstrakte Abrechnung mit einem Denk- und Gesellschaftssystem überzeugt die Anschauung: eines besonderen Menschen, der in diesem System unter die Räder kommt. Und mit ihm eine ganze, friedliche, poetische und versponnene Welt. 

 

Klaus Kastberger zu 'Tauben fliegen auf":

'Tauben fliegen auf' ist ein wirklicher Glücksfall der Literatur und wurde mehr oder weniger flächendeckend (und das ist doch einigermassen erstaunlich) auch als ein solcher rezipiert. Von der Neuen Zürcher Zeitung bis hin zur F.A.Z., von der Welt bis zur Süddeutschen, und von der Taz bis zur Frankfurter Rundschau waren sich alle einig, die sonst so gerne unterschiedlicher Meinung sind: Hier liegt ein Buch vor, das es gebraucht hat, nicht allein, weil es das Thema Jugoslawien in einer ganz und gar ungeschwätzigen Weise behandelt, sondern vor allem auch, weil dieses Buch, das ja zuvorderst gar kein Jugoslawien-Buch ist, sondern eines über die Immigration in der Schweiz, Jugoslawien im Herzen trägt.

 

Urs Bugmann, Einführung zu 'Tauben fliegen auf':

Es ist eine Sprache, die das Erleben von innen heraus beleuchtet. Die unaufhebbare Distanz des Fremdseins schärft nicht allein das Auge der Beobachterin. Sie formt mit an der Sprache, die in ihren musikalischen Klängen und Rhythmen, in den leicht hingemalten poetischen Bildern etwas von jener Welt und Atmosphäre bewahrt, die Heimat bleibt, auch wenn sie mit keiner Rückkehr mehr erreicht werden kann.

Dieses Buch berührt nicht nur mit seiner Geschichte. Es ist ein Sprachkunstwerk, das auf die Worte dieselbe Aufmerksamkeit richtet, dieselbe Sorgfalt anwendet wie auf die geschickt gefügten Fäden der Geschichte, die einmal komisch und dann wieder traurig ist. Eine weiche und anschmiegsame Sprache voller Zwischentöne trägt das Erzählen. ...

Immer ist es eine Sprache, die zwischen Meinen und Sagen keinen Unterschied kennt, die kein falsches Spiel treibt und keine leeren Fassaden aufrichtet. Es ist eine Sprache voller Leben - und voller Zuneigung für die Menschen, von denen sie erzählt.


Der Literarische Club Zürich

 

An Dichterlesungen, Autorenabenden, Literaturdebatten herrscht gegenwärtig in Zürich gewiss kein Mangel. Es werden Stars der deutschsprachigen oder internationalen Literaturszene präsentiert, manchmal wird ihr Auftritt mit ganzseitigen Zeitungsinseraten beworben. Daneben  ermöglichen zahlreiche Veranstalter an unterschiedlichen Orten Begegnungen mit heutigen Autoren.

 

Das war nicht immer so. Der Lesezirkel Hottingen, 1882 gegründet, aus dem der Literarische Club Zürich hervorgegangen ist, besaß während Jahren bis zum Beginn des ersten Weltkriegs sozusagen ein Monopol als Veranstalter literarischer Abende. Man konzentrierte sich damals und auch später auf grosse Namen, wie Hofmannsthal, Thomas Mann, Karl Kraus, Paul Valéry, Pirandello etc. Der Lesezirkel führte neben dem Vertrieb von Lesemappen mit Illustrierten und literarischen Zeitschriften eine Leihbibliothek, veranstaltete in der Tonhalle, im Grand Hotel Dolder und im Baur au Lac pompöse Kostümfeste, bei denen der gesellschaftliche Aspekt den künstlerischen Ausgangspunkt mehr und mehr umhüllte.

 

1902 wurde innerhalb des Lesezirkels als Untersektion der Literarische Club gegründet, der sich in bescheidenerem Rahmen auf das Kernanliegen der Literaturvermittlung beschränkte und auch weniger berühmte Dichter einlud, etwa den jungen Hermann Hesse. Schweizer Autoren, wie Robert Walser, Meinrad Inglin, Albin Zollinger, Ramuz sind hier im Laufe der Jahre aufgetreten.

 

Als der Lesezirkel 1941 wegen Überschuldung liquidiert werden musste, überlebte der Literarische Club. Woraus leitet er heute seine Existenzberechtigung ab? Was unterscheidet seine Abende von den vielen Konkurrenzangeboten?

 

Generell wird kein Eintritt erhoben. Die Club-Mitglieder sind mit ihrem bescheidenen Jahresbeitrag – neben der Stadt Zürich und der Stiftung Felsengrund – die Sponsoren; Gäste sind jederzeit willkommen.

Traditionell ist von den sechs bis acht Veranstaltungen einer Saison, die überwiegend schweizerischen Autoren gewidmet sind, je eine dem frankophonen und dem italienischen/rätoromanischen  Bereich vorbehalten.

Für jede Saison suchen sich die einzelnen Vorstandsmitglieder eine(n) Autor(in) oder ein Thema, verantworten und moderieren dann den Abend. Auswahlkriterium ist nicht Prominenz, sondern Qualität, Eigenständigkeit und Substanz.

 

Im Anschluss an die Veranstaltungen unterhalten sich die Anwesenden mit dem Autor, dem Moderator und untereinander in ungezwungener Atmosphäre bei einem Glas Wein.

 

 

Für den Vorstand: Ralph Müller

LITERARISCHER CLUB ZÜRICH

(Vormals Lesezirkel Hottingen)

 

 

 

Das Präsidium und der Vorstand Literarischer Club Zürich (vormals Lesezirkel Hottingen)

Der Literarische Club im Internet: http://literarischerclubzerich.com und jetzt auch auf Facebook.

Auskunft und Anmeldungen für Mitgliedschaft im Literarischen Club: Waltraud Schramm, Rigiweg 4, 8604 Volketswil, Tel. 044 945 54 80

Der Literarische Club Zürich wird unterstützt von der Stadt Zürich und der Stiftung Felsengrund. Herzlichen Dank!

 

 

 

 

 

 

 

Der Literarischer Club Zürich ging aus dem legendären Lesezirkel Hottingen hervor.