Der Literarische Club Zürich (vormals Lesezirkel Hottingen)

Im Hottinger-Saal, Gemeindestraße 54, 8032 Zürich

AKTUELL

Maja Haderlap

 

Lesung

Mittwoch, 9. Oktober 2019, 19.30 Uhr

Hottingersaal (über dem Kreisbüro 7), 

Gemeindestr. 54, 8032 Zürich

 

Moderation: Josef Estermann

 

Eintritt frei, Gäste willkommen

Türöffnung: 19 Uhr

 

 

 

 

Maja Haderlap

Engel des Vergessens (Roman)

Langer Transit (Lyrik)

Im langen Atem der Geschichte 

(Rede zur Hundertjahrfeier der Republik Österreich)

 

 

Textauszüge aus "Engel des Vergessens"

 

"Eiermädchen, nennt mich Grossmutter. Den Namen habe mir Grossvater gegeben, erzählt sie, als er krank auf der Ofenbank lag und auf mich achtgeben musste. Ich sei ein Schosskind gewesen, kaum mehr als ein Jahr alt, und habe die Eier in der untersten Lade der Stubenkredenz entdeckt, sie einzeln über den Holzboden rollen lassen und, sobald das Eigelb aus der Schale getreten war, sonci gre gerufen, dass Sonnchen geht auf. Grossvater habe mich beobachtet und sei so begeistert gewesen, dass er mich die Schüssel ausräumen liess und ihr verboten habe, mit mir zu schimpfen. Er habe gemeint, während sie die Eierspeise vom Boden aufwischte, dass man mit mir und mit ihm Mitleid haben müsse. Bald danach sei er gestorben, obwohl ich ihn unterhalten hätte." (S. 8/9)

 

"Sobald Grossmutter beginnt sich auszuziehen, fange auch ich an, meine Kleider abzulegen.

Im Unterhemd setzt sie sich aufs Bett und löst ihren dünnen, geflochtenen Haarzopf, den sie am Hinterkopf zu einem Knoten gebunden hat. Ich knie mich hinter Grossmutter auf das Bett und fange an, sie zu kämmen. Ihre dünnen, grauen Haare fallen ihr zwischen die Schulterblätter. Sie legt abwechselnd die linke oder die rechte Hand auf den Teil des Kopfes, den ich gerade kämme. Vorsichtig, sagt sie, vorsichtig, und manchmal, nach einem Seufzer, es sei der 13. November gewesen, als sie das Lager betreten habe. Die Frauen, die mit ihr zu Fuss durch Fürstenberg getrieben worden seien, mussten sich nach der Einlieferung ausziehen. Schon in der ersten Stunde habe es Fliegeralarm gegeben. Nackt hätten sie zwei Stunden lang warten müssen, bis man sie untersucht habe. Dann habe man ihnen die Haare geschoren. Kaum sagt sie geschoren, schiebt sie meine Hand weg, als ob ich unerlaubterweise ihr Haar berührt hätte. Mit ein paar schnellen Handgriffen flicht sie einen Zopf und fixiert ihn mit Haarklammern wieder zu einem Knoten. ..... (S. 121)

 

 

Biografie

 

Maja Haderlap wurde 1961 in Eisenkappel / Zelezna Kapla (Österreich) geboren. Sie entstammt einer in Kärnten beheimateten slowenischen Familie, studierte Theaterwissenschaft und Germanistik an der Universität Wien und war von 1992 bis 2007 Chefdramaturgin am Stadttheater Klagenfurt. Sie lebt als freie Schriftstellerin in Klagenfurt und unterrichtet an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt.

 

Maja Haderlap veröffentlichte Gedichtbände auf Slowenisch und Deutsch und Übersetzungen aus dem Slowenischen. Für den "Engel des Vergessens" erhielt sie unter anderem den Ingeborg-Bachmann-Preis, den Rauriser Literaturpreis für das beste Romandebüt, den Prix du Premier roman etranger und letztes Jahr den Max-Frisch-Preis der Stadt Zürich.

 

 

 

Stimmen

 

Peter Handke

"Maja Haderlap hat eine gewaltige Geschichte geschrieben ... Die Grossmutter wie noch keine, der arme bittere Vater wie noch keiner, die Toten wie noch nie, ein Kind wie noch keines."

 

Robert Menasse

"Maja Haderlap hat mit 'Engel des Vergessens' eine Erzählung vorgelegt, die, aus der Tiefe der Geschichte kommend, veranschaulicht, womit wir heute immer noch und wieder konfrontiert sind. Sie erzählt eine Geschichte, die, wenn wir zu lesen verstehen, historisch nicht bleibt, sondern erneut zur grossen Herausforderung unserer Lebenszeit wird: was es bedeutet, Minderheit zu sein, und dass manches besser wäre, wenn wir durch Identifikation begriffen, dass jeder eine (Minderheit) ist, was erst Empathie und damit soziales Funktionieren ermöglicht.

Und Maja hat dies auf eine Weise gemacht, wie nur grosse Literatur es kann: indem sie von Menschen erzählt, die so konkret und einzigartig sind in ihrer Individualität ... und zugleich so exemplarisch und typisch, dass sie das allgemein gültige Bild einer Epoche zeigen ..." (aus der Laudatio zum Max-Frisch-Preis der Stadt Zürich)

 

 

Franz Haas (NZZ)

"Im Zentrum ihres Buches steht ... der einzige nennenswerte militärische Widerstand gegen den Nationalsozialismus auf dem Territorium des Dritten Reiches. Es waren die Kärntner Slowenen, die das Aussichtslose versuchten und dafür massenhaft mörderisch bestraft wurden, was in der österreichischen Geschichtsschreibung fast völlig verschwiegen wird. ...

Maja Haderlap erzählt diese historische Tragödie anhand ihrer Familiengeschichte, indem sie bravourös die verschiedensten literarischen Register zieht, die von der anfänglichen Kinderperspektive bis zur geschichtskundigen Essayistik und zur wortmagischen Poesie reichen." (Gegen das Schweigen nach dem Sturm, 8. Oktober 2011)

 

 

Foto: Maja Haderlap - Max Ammann / Wallstein Verlag

Ausblick

 

 

13. November 2019

Ein Abend zu Primo Levi

 

08. Januar 2020

Christian Lorenz Müller

 

12. Februar 2020

Information folgen.

 

11. März 2020

Informationen folgen.

 

08. April 2020

Generalversammlung und über das Programm folgen demnächst die Informationen.

 

13. Mai 2020

Informationen folgen.

 

In Erinnerung: Arthur Häny (1924 - 2019)

In Gedenken.

 

Der Schriftsteller und Übersetzer Arthur Häny verstarb am 16. Juli 2019

Er präsidierte den Literarischen Club in den Jahren 1966 bis 1974.

 

Häny lebte und wirkte für das geschriebene Wort. Nach der Jugendzeit im Aargau studierte er Germanistik und Altphilologie an der Universität Zürich. Nach einer Dissertation über Friedrich Hölderlin im Jahre 1948 war er als Hauptlehrer für Deutsch und Alte Sprachen an den Gymnasien der Kantonsschulen Zürich tätig.

Mehr Informationen über sein reiches literarische Schaffen finden Sie auf Wikipedia oder in der Schweizer Nationalbibliothek in Bern.

 

Wir vom Präsidium und Vorstand des Literarischen Club Zürich denken heute sehr gerne an die Begegnungen mit Arthur Häny und seiner lieben Frau zurück und übersenden von hier aus unsere Gefühle und Dankbarkeit an die Angehörigen.

 

Der Gedichtband "Das innere Licht" von Arthur Häny erschien 2009 und ist eines der letzten Werke.

 

 

 

Haben Sie gewusst, dass Sie bei uns Mitglied werden können? Gerne stehen wir für Fragen zu Diensten.

 

 

Das Präsidium und der Vorstand Literarischer Club Zürich (vormals Lesezirkel Hottingen)

Der Literarische Club im Internet: http://literarischerclubzerich.com und jetzt auch auf Facebook.

Auskunft und Anmeldungen für Mitgliedschaft im Literarischen Club: Waltraud Schramm, Rigiweg 4, 8604 Volketswil, Tel. 044 945 54 80

 

Der Literarische Club Zürich wird unterstützt von der Stadt Zürich und der Stiftung Felsengrund. Herzlichen Dank!

 

 

 

 

 

 

 

Der Literarischer Club Zürich ging aus dem legendären Lesezirkel Hottingen hervor.